Über einen inneren Teufelskreis – und wie wir wieder handlungsfähig werden
Lass mich dich kurz mitnehmen auf ein Erlebnis in der letzten Woche:
Ich bin in einer ungewohnten Umgebung.
Ein Geräusch im Flur.
Ein Gedanke.
Und mein Nervensystem ist überzeugt: Jetzt wird es ernst.
Dabei ist noch gar nichts passiert. Keine reale Gefahr, keine Bedrohung.
Nur ein Gedanke, der sich eingeschlichen hat – und sofort eine ganze Kaskade im Körper auslöst.
Mein Puls geht hoch.
Mein Atem wird flacher.
Meine Aufmerksamkeit ist komplett gebunden.
Vielleicht kennst du das auch – manchmal schleicht sich dieser Gedanke ein – und
ein Gedanke genügt, plötzlich fühlt sich alles real, bedrohlich und unausweichlich an.
Es ist dieser Moment, in dem ein Gedanke reicht, um aus einem ruhigen Zustand in Alarmbereitschaft zu wechseln.
Und genau hier beginnt ein Kreislauf, den viele von uns nur zu gut kennen.
Ein Kreislauf, der schneller ist als unser Verstand
Was da passiert, ist kein persönliches Versagen.
Und oft auch nichts, was wir mit unserem Kopf steuern können.
Es ist ein hoch effizientes Schutzsystem.
Der Ablauf ist oft ähnlich:
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Gedanke inklusive Bewertung
„Das Geräusch ist eine Gefahr.“ -
Gefühl
Angst oder Anspannung entsteht. -
Körperliche Reaktion
Puls steigt, Muskeln spannen sich an, die Sinne sind geschärft. -
Verhalten
Erstarren, Rückzug, Kontrolle – oder aktives Absichern. -
Rückkopplung
Die körperliche Erregung bestätigt dem Gehirn:
„Siehst du? Da ist wirklich etwas.“
Und schon beginnt der Kreislauf von vorn.
Wichtig ist mir hier eine klare Einordnung:
Das ist kein Fehler im System.
Das ist das System.
Warum unser Gehirn so reagiert
Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, objektiv zu analysieren.
Es ist dafür gemacht, uns zu schützen.
Es fragt nicht zuerst: Ist das wahr?
Sondern: Ist das gefährlich?
Dabei arbeitet es:
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schneller als unser bewusster Verstand
-
mit Erfahrungen, Bildern und Erinnerungen
-
lieber ungenau als zu spät
Aus neurobiologischer Sicht ist Angst deshalb oft schneller als Logik.
Und genau deshalb fühlen sich diese Reaktionen so real an – auch wenn die Situation es objektiv nicht hergibt.
Warum wir uns so leicht darin verlieren
Viele Menschen erzählen sich dann Sätze wie:
„Das bin ich halt.“
„Ich war schon immer so ängstlich.“
„Ich kann da nichts machen.“
Das Problem ist nicht der Gedanke.
Das Problem ist, dass wir ihn für Wahrheit halten, statt ihn als das zu erkennen, was er ist:
eine mögliche Interpretation.
Hinzu kommt:
Gefühle wurden vielen von uns früh als störend, übertrieben oder unpraktisch gespiegelt.
Kein Wunder also, dass wir sie entweder unterdrücken oder von ihnen überrollt werden.
Beides macht unfrei.
Mir ist dieser Punkt besonders wichtig:
Emotionen sind da.
Und sie brauchen Raum.
Unterdrücken ist nicht nur anstrengend, sondern langfristig auch nicht hilfreich.
Gleichzeitig möchte ich nicht von meinen Emotionen bestimmt werden.
Ich möchte mit ihnen leben und arbeiten,
nicht nach ihnen reagieren.
Denn: Souveränität heißt nicht Kontrolle!
Einblicke in meinen Werkzeugkasten
Wenn du diesen Kreislauf unterbrechen möchtest, haben sich für mich drei Dinge bewährt.
Drei Impulse aus meiner Toolkiste
1. Gedanke – den Fokus umlenken
Gib deinem Kopf eine klare Aufgabe.
Zum Beispiel: von 1000 rückwärts zählen, in 13er-Schritten.
Nicht, um etwas zu verdrängen.
Sondern um den Alarm kurz zu unterbrechen.
2. Körper – das Nervensystem beruhigen
Bewegung oder bewusste Atmung helfen oft schneller als jedes Argument.
Zum Beispiel die Boxatmung:
4 einatmen – 4 halten – 4 ausatmen – 4 halten.
Mehrmals wiederholen.
3. Verhalten – bewusst klein handeln
Tu etwas Konkretes.
Aufstehen. Einen Schluck Wasser trinken. Den Raum wechseln.
Kein großes Manöver.
Nur ein klares Signal: Ich bin handlungsfähig.
Kleine Einordnung, die mir wichtig ist
Diese Reaktionen sind kein Zeichen mangelnder Selbstkontrolle.
Sie sind Ausdruck eines Nervensystems, das gelernt hat, schnell zu reagieren.
Regulation bedeutet deshalb nicht, Gefühle „wegzudenken“.
Regulation bedeutet, dem präfrontalen Kortex wieder Zugang zu verschaffen – über den Körper, über Atmung, über bewusste Unterbrechung.
Erst dann wird Einordnung wieder möglich.
Wissenschaftlich betrachtet
Neurobiologisch betrachtet läuft in solchen Momenten ein hochkomplexer, aber sehr schneller Prozess ab.
Ein Reiz – zum Beispiel ein Geräusch – wird zunächst nicht im präfrontalen Kortex verarbeitet, also nicht in dem Teil des Gehirns, der für Abwägung, Einordnung und bewusste Entscheidungen zuständig ist.
Stattdessen nimmt ein schneller „Kurzweg“ seinen Lauf.
Der Reiz wird über den Thalamus direkt an die Amygdala weitergeleitet.
Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems und spielt eine zentrale Rolle bei der Bewertung von Gefahr. Sie arbeitet schnell, unbewusst und erfahrungsbasiert.
Ihre Aufgabe ist nicht Wahrheit, sondern Überleben.
Sobald die Amygdala eine potenzielle Bedrohung vermutet, aktiviert sie das autonome Nervensystem.
Der Sympathikus fährt hoch, Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet.
Herzfrequenz steigt, Atmung verändert sich, Muskelspannung nimmt zu.
Der Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt – innerhalb von Sekundenbruchteilen.
Der präfrontale Kortex, der für logisches Denken, Perspektivwechsel und bewusste Regulation zuständig ist, kommt erst nachgelagert ins Spiel.
In Zuständen hoher Erregung ist seine Aktivität sogar messbar reduziert.
Das bedeutet:
In dem Moment, in dem wir uns „überrollt“ fühlen, ist unser Denkzentrum buchstäblich schlechter erreichbar.
Deshalb fühlt sich Angst so real an.
Nicht, weil die Gefahr real ist – sondern weil die körperliche Reaktion real ist.
Das System stellt nicht zuerst die Frage:
Stimmt das?
Sondern:
Ist das gefährlich – und muss ich sofort reagieren?
Aus evolutionsbiologischer Sicht ist dieses System äußerst sinnvoll.
Aus heutiger Sicht, in komplexen sozialen und beruflichen Kontexten, gerät es jedoch häufig in Fehlalarm.